Riesling Geschichte im Glas

Riesling Geschichte im Glas

Haben Sie schon einmal einen Riesling von 1917 gekostet? Von 1921? Ich habe heute Abend noch mehr flüssige Geschichte verkostet, und ich war unglaublich beeindruckt. Wilhelm Weil vom Weingut Robert Weil lud uns zu einer außergewöhnlichen Verkostung mit einer atemberaubenden Auswahl an Weinen ein. Seine Selektion umfasste nicht nur alle Jahrgänge des Kiedricher Gräfenberg 2019-2007, sondern auch großartige historische Jahrgänge wie 1917, 1921, 1934, 1937, 1947 und 1949.

Obwohl ich das Glück habe, von Zeit zu Zeit alte Jahrgänge zu geniessen, war es für mich ein ganz besonderer Abend. Ich habe bereits zuvor ausgeführt, dass Wein ein Fernrohr in unsere Historie ist. Diese Weine verdienen eigentlich mehr als eine kurze Notiz, dennoch nur einige kurze Bemerkungen über die faszinierenden historischen Weine, die mir in den Sinn kamen. 


1917 – eine absolute Schönheit. Eine perfekte Flasche. Mein Favorit und die beste Flasche aus diesem Jahrgang, die sogar Wilhelm Weil je gekostet hat. Frisch, lebendig, mit minzigen Noten, unglaublich konzentriert und voller Energie. Das Bukettspektrum zeigte Zitrusschale, getrockneten Pfirsich, Limettensirup und einen Hauch von weißen Blüten. Frische Säure und ein angenehmes, zartes Phenol haben dem Wein Spannung und Konzentration verliehen. Ein reines Naturwunder, das in einem Jahr entstand, in dem Millionen junger Männer an der Front des Ersten Weltkriegs starben.

1921 – Diese Flasche hatte bei weitem nicht die Vitalität des 1917er und war über ihrem Höhepunkt. Sherry-Noten mit Wachs. Aber – hey – der Wein zeigte auch einen schönen Zitronenfruchtkern, und er war 99 Jahre alt. Ich habe das Glas mit Genuss geleert.

1934 – zeigte eine schöne goldene Farbe. Frischer, getrockneter Pfirsich, Birne, Honig, Bienenwachs, Kamille, Heu und Heu. Reif, vielschichtig mit einem langen Abgang – einfach schön, aber mit Sauerstoff verblassend. Ein Wein, der leider das dunkelste Zeitalter der modernen deutschen Geschichte markiert. 1934 war das Jahr nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland.

1937 – etwas blasseres Gold – frischer, zurückhaltender als 1934 mit Aprikosenschale, Limette, Bienenwachs. Knackig, präzise und konzentriert. Lang anhaltend und voller Leben. Dennoch ein weiteres Jahr der Schande für Deutschland. Es war der letzte Jahrgang, bevor das Nazi-Regime den jüdischen Weinhandel auslöschte.

1947 – frisch, Limette, Toast, Benzin, Quitte und ein Hauch von Kräutern und Grün. Intensiv und elegant. Eine Schönheit im Glas, die wir vor allem Frauen zu verdanken haben. Sie haben die Trauben gelesen, da viele Männer nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch in Gefangenschaft waren.

1949 – jetzt sehr schön zu genießen. Orangenschale, Quitte, getrocknete Kräuter und Blüten, Benzin, Bienenwachs. Die Trauben wurden im Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland geerntet.

Übrigens wurden die Flaschen in den 1990er Jahren im Weingut neu verkorkt. Das ist besonders bei alten Weinen wichtig, wenn der ursprüngliche Kork im Laufe der Jahrzehnte beispielsweise durchlässig und unelastisch geworden ist.

Der Begriff “Cabinet” auf den Etiketten steht übrigens für die “Naturwein” und die besondere Qualität. Der Ausdruck stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie Schatztruhe. Er bezieht sich ursprünglich auf die Kellerabteile, in denen die Weingüter ihre besten Weine aufbewahrten. Die ersten dieser Schatzkammern entstanden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Kloster Eberbach und Schloss Vollrads.