COVID-19 und die Folgen (Teil1)

COVID-19 und die Folgen (Teil1)

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Eine Reise nach Deutschland 2023 –

Krisen sind Katalysatoren. Sie sind auch Teilchenbeschleuniger. Sie katapultieren uns aus unserer Komfortzone; uns persönlich und uns als Gesellschaft. Sie bringen das zum Vorschein, was bereits in uns keimt. Sie verstärken Trends. Sie fegen so manches Alte davon. Die Pest hat das Mittelalter beendet und die Grundlagen für die Renaissance geschaffen. Sie hat die Autorität der Kirche erschüttert und den Menschen auf sich besinnen lassen.

Wie wird COVID-19 uns und unsere Welt verändern? Zum Guten? Zum Schlechten? Und das alles dauerhaft? Wir wissen es nicht. Und doch zeichnen sich Trends und Bruchlinien ab. Sie zeigen, dass wir bereits heute anfangen sollten, neu zu denken, neu zu entscheiden, neu zu führen und neu zu kommunizieren.

Steigen wir also in unsere imaginäre Zeitkapsel.

Wir landen am 21. Mai 2023. Es ist ein ungewöhnlich warmer Sonntag in Stuttgart. Die Menschen genießen die Sonne. Alleine. In Gruppen. Ohne Einschränkungen. Die Schwimmbäder haben auch schon geöffnet. COVID-19 ist noch da. Es wird immer da sein. Aber es ist beherrschbar geworden. Forscher in Deutschland, Frankreich und den USA haben drei verschiedene Impfstoffe gefunden. Die Pandemie ist besiegt. Doch sie hat uns verändert. Gemeinsamkeiten erzeugt. Gegensätze verschärft. Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Licht und Schatten geworfen. Lebenslinien gekrümmt und begradigt. Neue Schlagwörter etabliert. Homeoffice und Homeschooling, Übersterblichkeit und R-Faktor. Toilettenpapier und Backhefe.

Gesundheit als Megatrend

Drei Jahre ist es nun her. Wir hatten unsere Welt angehalten, um die Schwächsten in unserer Gesellschaft zu schützen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Dieses Primat der Menschlichkeit klingt noch immer in uns nach. Gesundheit war bereits vor der Krise einer der Megatrends unserer postmodernen westlichen Gesellschaften. Wir haben zunehmend vegan, glutenfrei und ohne Geschmacksverstärker eingekauft. Wir haben unsere Körper und unseren Schlaf mit Fitnessbändern und Apps bis in den Nanobereich vermessen und optimiert.

Neue Achtsamkeit

Jetzt haben wir die Achtsamkeit hinzugewonnen. Abstandhalten als Zeichen von Verantwortung ist längst unser gelebter Alltag. Wir teilen inzwischen freiwillig und dezentral unsere Daten, um uns vor potenziellen Ansteckungen zu warnen. Die im September 2021 erschienene Apple Watch 8 hat das sogenannte „iShield“ bereits fest installiert. Das leuchtende Virenschild-Logo auf der Uhrkrone gilt als Statement und Statussymbol der „Datenspender“. Das dritte Gesetz des Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarks hat sich bestätigt: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

Licht und Schatten

Andere sehen jedoch nicht Magie, sondern den Zauberlehrling am Werk. Etwa all die Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und „Abgehängte“, die sich in den Zeiten der Unsicherheit, Zukunftsangst und schwacher politischer Führung in ihren Filterblasen eingerichtet haben. Trotz Fake-News Filter der sozialen Medien haben Gerüchte weiter Konjunktur.

Und es ist ja auch nicht alles gut, was Gutes verspricht. Zum 75. Staatsjubiläum hat die Regierung Nordkoreas  ein eigenes Gesundheitsarmband für seine Bevölkerung entwickelt. Es misst Herzschlag, Blutdruck und Dopamin-Ausschüttung in Echtzeit und spendet die Daten per Funk dem „Großen Führer“. So können diejenigen zuverlässig „nachgeschult“ werden, denen beim Anblick des geliebten Landesvaters das Herz nicht vor Freude schneller schlägt.

Ökonomische Realitäten

Nach Jubel steht aber auch in den Industrienationen vielen nicht der Sinn. Die Weltwirtschaft liegt noch weit hinter den Kennzahlen des Jahres 2019 zurück.  Auch wenn sie sich schneller erholt hat, als die Prognosen hatten befürchten lassen. Trotz des Rufs nach nationaler Autonomie um die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern im Lockdown sicherzustellen, ist die globale Arbeitsteilung der Welt nicht aufgehoben. Zu groß ist weiterhin der Druck effizient und kostengünstig zu produzieren.

Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen – in manchen Regionen und Branchen sogar drastisch. Klassische Messe-, Event und Reiseveranstalter, Hotels, Fluglinien und Gastronomie kämpfen noch immer mit den Folgen des Shutdowns. Insolvenzen nehmen weiter zu, die Zahl der Player nimmt weiter ab. Das spaltet die Gesellschaft weiter. Auch wenn die Bruchlinien nicht mehr unbedingt zwischen Harvestehuder Altbau und Marzahner Platte verlaufen. Denn Rationalisierung und Jobverlust haben auch den gehobenen Mittelstand voll getroffen.

Neue Freiheiten

Auf der anderen Seite profitieren die Angestellten durch größere Freiheiten im Homeoffice. Viele Firmen sind Twitter nachgefolgt und haben ihren Mitarbeitern das Arbeiten zu Hause als Dauerlösung geöffnet. Die einst befürchtete Gender Ungerechtigkeit ist zwar ausgeblieben, doch das Homeoffice hat in Summe auch nicht zu mehr Gerechtigkeit geführt. Busfahren, Pflegen und Straßen asphaltieren kann man eben noch immer nicht von zu Hause.

Digitale Disruption als Chance

Darwins Prinzip „Survival of the Fittest“ macht indes Hoffnung. Denn es überlebt nicht unbedingt der Stärkste, sondern der Fitteste. Derjenige, der sich am besten an die neuen Gegebenheiten anpasst. Viele Unternehmer haben ihre Chancen genutzt. Sie folgen einem Purpose, denken disruptiv und handeln flexibel. Digital boomt  – getrieben vor allem aus den USA und Asien. Unternehmen wie Amazon, Google und Alibaba  investieren massiv in ihre Plattformen und Infrastrukturen, um sie für die nächste Generation digitaler Services und Netzwerke aufzubauen. In sechs Monaten soll das 37.000 km lange Unterseekabel rund um Afrika ans Netz gehen und den Kontinent besser ans Internet anbinden. Ein internationales Konsortium um Facebook führt das Projekt.

 Digitale Kommunikation hat aber auch viele traditionelle Produzenten in Europa näher an ihre Endkunden rücken lassen. Winzer verkosten ihre Weine in Onlinerunden gemeinsam mit Weinfreunden rund um die Welt, eCooking -Wettbewerbe haben sich als kulinarische Alternative zu eSports etabliert.

Virtuell ist das neue “Live”

Das Rennen um die beste digitale Alternative zu klassischen Live-Events hat während der Krise völlig neue Formen der Begegnungskommunikation entstehen lassen. Augmented-Reality-Anwendungen verschmelzen Realität und Computerwelten. Sie erweitern Messen, Konzerte, Theater, Präsentationen um atemberaubende virtuelle Erlebnisdimensionen. Weniger Einkommen und weniger Berührungsängste auch bei den „Non-Digital Natives“ haben diesen Trend gestärkt.

Und auch unsere Kinder profitieren. Das allgemein verordnete Homeschooling hatte 2019 die digitale Rückständigkeit des Bildungssystems in Deutschland schonungslos offengelegt. Inzwischen haben die Landesregierungen massiv in die Digitalisierung der Schulen investiert und auch externe Unterstützung in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dank Amazons neuer Initiative “Amazone Homeschool Prime” haben nun auch Jungen und Mädchen aus den Schichten Zugang zu Wissen und Information, die landläufig als „bildungsfern“ bezeichnet werden. 

Think „glocal“

Gleichzeitig ist ein global-lokales Bewusstsein gewachsen, das der emeritierte Ökonomieprofessor Mike Veseth als „glocal“ beschrieben hat. Es ist Teil einer Fokussierungs- und Solidaritäts- und Konsumkultur – weniger, besser, authentischer zu konsumieren. Während der Krise haben die Menschen ihre direkte Nachbarschaft wiederentdeckt. Der Besuch beim Lieblingsitaliener um die Ecke, der Blumenkauf beim kleinen Laden in der Nachbarschaft und ein Urlaub in Bayern statt in Bangkok – all das gibt uns ein gutes Gefühl und hat wieder an Stellenwert gewonnen. Wir fokussieren uns und gehen sparsamer mit unseren Ressourcen um. Mit unserem Geld, unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit – und unserer Umwelt.

Megatrend Ökologie

Klimawandel, Ozeane voller Plastik und die Feuerstürme am Ende der Welt sind uns in unserer Verantwortung bewusster denn je. Nicht nur die Bilder von den Särgen in Bergamo haben sich im globalen Bewusstsein eingebrannt, sondern eben auch die Aufnahmen vom smogfreien Blick auf den Himalaya und dem kristallklaren Wasser in den Kanälen Venedigs während des Shutdown. Auch unsere Ökosysteme profitieren vom technologischen Fortschritt in der Krise. Die Infrarot-Drohnen und Roboter beispielsweise, die in der Krise in Singapur zur Abstandsüberwachung der Menschen entwickelt wurden, fahnden jetzt nach verwaisten Koalas in den Brandgebieten Australiens.

Plötzlich schrillt der Raum-Zeit-Alarm unserer Kapsel. Wir müssen zurück ins Jahr 2019.

Freitag, 15. Mai 2019. Zurück im Hier und Jetzt. In der Krise. Zeit kurz innezuhalten. Gefällt uns, was wir im Jahr 2023 gesehen haben? Sicherlich nicht alles. Aber auch vieles, das Hoffnung macht. Wir haben es in der Hand diese Zukunft zu gestalten. Indem wir neu denken, strukturieren, führen und kommunizieren. Dazu in Kürze mehr. 

Fortsetzung folgt.